DIN
UND SCHARI'A
Unterscheidung
zwischen Din und Schari'a
Die Quellen der Schari'a Fiqh
Tassawwuf
Bis jetzt haben
wir uns mit Din, dem Glauben, beschäftigt. Nun kommen wir zur
Behandlung der Schari'a des Propheten Muhammad (Friede sei mit
ihm). Doch zunächst wollen wir den Unterschied zwischen Din und
Schari'a darlegen.
Unterscheidung
zwischen Din und Schari'a In den vorangegangenen Kapiteln haben
wir gesagt, dass alle Propheten, die von Zeit zu Zeit
aufgetreten sind, den Islam verkündet haben. Dies ist eine sehr
wesentliche Tatsache. Die Propheten verkündeten den Islam, das
heisst den Glauben an Gott mit allen seinen Eigenschaften, den
Glauben an den Tag des Jüngsten Gerichts, den Glauben an die
Gesandten und die offenbarten Bücher, und daraus folgend,
forderten sie die Menschen dazu auf, ein Leben des Gehorsams und
der Ergebenheit ihrem Herrn gegenüber zu führen. Dies ist es,
was man unter Din versteht, und darauf fussten die Lehren aller
Propheten.
Abgesehen vom Din, gibt es noch die
Schari'a, die ins Einzelne gehende Gesetzeslehre, die die
Vorschriften für das Verhalten in allen Dingen des Lebens
enthält. So etwa Richtlinien für die Art und Weise, wie der
Gottesdienst abgehalten werden soll, Massstäbe für Moral und
Sittlichkeit und ein gottgefälliges Leben und Gesetze für das,
was erlaubt oder verboten, was richtig oder falsch ist. Diese
Gesetzesvorschriften sind von Zeit zu Zeit Verbesserungen und
Änderungen unterworfen gewesen, und obwohl jeder Prophet
denselben Din verkündete, brachte er doch eine etwas
abgewandelte Schari'a, die den Lebensumständen seines eigenen
Volkes und seiner Zeit angepasst war. Dies diente dem Zweck, die
verschiedenen Vöölker zu den entsprechenden Zeiten zu einem
besseren Zusammenleben zu erziehen und sie mit stets noch
verbesserten moralischen Wertmassstäben auszustatten, damit sie
so ausgerüstet eine hööhere Zivilisationsstufe erklimmen konnten.
Dieser Prozess endete mit dem Erscheinen Mohammeds, des letzten
Propheten, der die endgültigen Gesetzesvorschriften niederlegte,
die hinfort für die ganze Menschheit und für alle kommenden
Zeiten in Anwendung zu bringen waren. Der Din ist nie einer
Veränderung unterworfen gewesen. Doch im Hinblick auf die
allumfassende Schari'a, die der Prophet Muhammad uns überbracht
hat, sind alle vorausgegangenen Gesetzesvorschriften hinfällig
geworden. Die Schari'a Mohammeds stellt den Hööhepunkt und das
Finale dieses grössten Erziehungsvorgangs dar, der bereits beim
Heraufdämmern des menschlichen Zeitalters seinen Anfang genommen
hat.
Die
Quellen der Schari'a
Wenn wir uns mit der Schari'a des Propheten Muhammad vertraut
machen wollen, müssen wir uns vor allem auf
zwei Hauptquellen stützen, nämlich den Qur'an und den Hadith.
Der Qur'an ist eine gööttliche Offenbarung absolut jedes Wort
darin ist von Gott. Der Hadith besteht aus einer Sammlung der
Worte und Taten des letzten Propheten, aus den Überlieferungen
über seine Lebensweise und sein Verhalten in allen Dingen des
Lebens. Diese überlieferungen wurden von jenen bewahrt, die mit
ihm zusammen gelebt hatten, oder von jenen, die zuverlässige
Kunde darüber erhalten hatten. Später wurden diese Ahadith von
Religionswissenschaftlern gesammelt, gesichtet und äusserst
sorgfältig auf ihre Echtheit hin geprüft. Nur solche
Überlieferungen, die sich durch eine Kette von anerkannten
Übermittlern bis zu Muhammad zurückverfolgen liessen, wurden in
Form von Bücher zusammengefasst Die Sammlungen von Malik,
Buchari, Muslim, Termis, Abu-Dawud, Nassa'i und Ibn Madscha
gelten als die zuverlässigsten.
Fiqh
Fiqh ist die ins einzelne gehende
Gesetzgebung, die, gestützt auf Qur'an und Hadith, die
unzähligen Probleme behandelt, welche im Laufe eines
Menschenlebens entstehen köönnen. Diese Gesetzgebung wurde von
einer Reihe der bedeutendstenislamischen Gesetzeskundigen der
Vergangenheit erstellt. Die Muslim-Vöölker der ganzen Welt und
aller Zeiten sind diesen hochgelehrten und weitsichtigen Männern
auf ewig zu grösstem Dank verpflichtet, die ihr ganzes Leben dem
Studium von Qur'an und Hadith gewidmet haben, um dann aus ihrem
reichen Wissensschatz den Moslimen auf der ganzen Welt die
Mööglichkeit in die Hand zu geben, sich in allen Angelegenheiten
ihres täglichen Lebens nach den Erfordernissen der Schari'a zu
richten. Nur diesen grossen Wissenschaftlern verdanken wir es,
dass die Moslimen in aller Welt die Schari'a selbst dann leicht
befolgen köönnen, wenn ihre eigenen Kenntnisse auf religiöösem
Gebiet nicht so gut sind, dass sie selbst Qur'an und Hadith
richtig interpretieren köönnen.
Obwohl sich zu
Beginn eine grosse Anzahl führender religiööser Denker dieser
Aufgabe widmete, sind bis zum heutigen Tag nur vier religiööse
Hauptschulen oder Hauptlehrrichtungen erhalten geblieben,
nämlich:
Die Hanafi-Schule des Fiqh. Sie wurde von Abu Hanifa Nu'man ihn
Thabit unter Hilfe und Mitwirkung von Abu Yussuf, Muhammad und
anderen zusammengestellt, die sich durch ihre ausserordentlich
umfassenden und tiefgreifenden religiöösen Kenntnisse verdient
gemacht hatten.
Die Maliki-Schule
des Fiqh, die von Malik ibn Anas Asshabi ausgearbeitet wurde.
Die Schafi'i-Schule des Fiqh, begründet von Muhammad ibn Idriss
asch-Schafi'i
Die Hanbali-Schule des Fiqh, deren geistiger Vater Ahmad ibn
Hanbal war.
Hier noch einige nähere Angaben über die einzelnen Schulen und
deren Stellung in der heutigen Welt:
-
Abu Hanifa Nu'man ihn Thabit wurde im
Jahre 80 n. H. (d.h. nach der Hidschra, der Auswanderung des
Propheten Mohammed von Mekka nach Madina, im Jahre -622 n. Chr.
Dieses Jahr ist der Ausgangspunkt der islamischen Zeitrechnung,
die auf den Mondjahr basiert und in der deshalb das Jahr um
elf Tage kürzer ist als in der christlichen Zeitrechnung) -
699 n. alt. - geboren und starb im Jahre 150 n. H. -767 n.Chr.
-. Es gibt Anhänger dieses Fiqh in der Welt, die meist in der
Türkei, Pakistan, Indien, Afghanistan, Jordanien, Indochina,
China und der Sowjetunion leben.
-
Malik ibn Anas
Assbahi wurde im Jahre 93 n. H. -714 n. Chr. - geboren und
starb 179 n. H. - 798 n. Chr. -. Es gibt Anhänger dieses Fiqh
in der Welt, die hauptsächlich in Marokko, Algerien, Tunesien,
Sudan, Kuwait und Bahrain ansässig sind.
-
Mohammed ibn
Idriss asch-Schafi wurde 150 n. H. -767 n.Chr. - geboten und
starb 240 n. 11-854 n.Chr.-. seine Anhänger verteilen sich
hauptsächlich auf Palästina, den Libanon, Ägypten, den Irak,
Saudi-Arabien, Jemen und Indonesien.
-
Ahmad
ibn Hanbal wurde im Jahre 164 n H. -780 n.Chr. - geboren und
starb 241 n. H. -855 n Chr. -. Es gibt Anhänger dieses Fiqh
die zum grössten Teil in Saudi-Arabien, dem Libanon und Syrien
beheimatet sind.
Alle diese Schulen erhielten innerhalb von zweihundert Jahren
nach der Zeit des Propheten ihre endgültige Form. Die
Unterschiede, die in den vier Schulen zutage treten, sind
nichts als eine ganz natürliche Folge der Tatsache, dass die
Wahrheit vielseitig ist und von mehreren Blickwinkeln aus
betrachtet werden kann. Wenn verschiedene Leute sich damit
beschäftigen, ein vorgegebenes Ereignis zu interpretieren, so
geben sie Erklärungen gemäss ihrer individuellen Denkweise ab,
die ihren eigenen Ansichten entsprechen. Was diesen vier
Schulen des Fiqh die Rechtsgültigkeit verleiht, die ihnen
heute zugeschrieben wird, ist die unanfechtbare Integrität
ihrer jeweiligen
Begründer und die Glaubwürdigkeit der von ihnen angewandten
Methode. Darum betrachten alle Moslimen, welcher Schule sie
auch immer angehöören möögen, alle vier Schulen des Fiqh als
richtig und wahrhaftig. Obwohl die Rechtsgültigkeit aller vier
Schulen des Fiqh unbestritten ist und bleibt, kann man in
seinem Leben jedoch nur einer von ihnen angehören und sie
befolgen. Allerdings gibt es eine Gruppe von Ahadith, die
besagt, dass diejenigen, die die Kenntnisse und das
erforderliche Wissen besitzen, sich direkt an Qur'an und
Hadith orientieren sollten und jene, denen solche Kenntnisse
und Fähigkeiten nicht gegeben sind, der Schule folgen sollten,
die ihnen in einer bestimmten Angelegenheit am geeignetsten
erscheint.
Tassawwuf
Der Fiqh beschäftigt sich mit der offenbaren und der Befolgung
anheimgestellten Verhaltensweise des Menschen auf Erden, mit der
Erfüllung bestimmter Pflichten dem Gesetz nach. Der Tassawwuf
dagegen befasst sich mit dem Geist, der hinter unserem Verhalten
steht. Wenn wir beispielsweise unser Gebet sagen, so wird die
Fiqh uns lediglich nach der Einhaltung der äusseren
Voraussetzungen, wie etwa der Waschung,
des Hinwendens zur Ka'ba, der Beachtung der Gebetszeiten und der
Anzahl der verrichteten Rak'as, beurteilen, während Tassawwuf
unser Gebet aufgrund unserer Konzentration, unserer Hingabe, der
Reinheit unserer Seele und der Wirkung dieses Gottesdienstes auf
unser sittliches Verhalten und unser Benehmen ganz allgemein
bewerten wird. So ist also der wahrhaft islamische Tassawwuf der
Massstab unseres geistigen Gehorsams und unserer Aufrichtigkeit,
während Fiqh die Ausführung der uns gegebenen Anordnungen bis in
die kleinste Einzelheit bestimmt. Eine Ibada, der die rechte
Geisteshaltung fehlt, ist, selbst wenn sie richtig ausgeführt
wird, wie ein Mensch, der zwar hübsch aussieht, dem es jedoch an
Charakterstärke mangelt. Und eine Ibada, die von religiöösem
Eifer erfüllt ist, dabei aber falsch ausgeführt wird, ist wie
ein Mensch mit einem edlen Charakter, doch von unföörmiger
Erscheinung.
Obiges Beispiel zeigt ganz klar den
Zusammenhang zwischen Fiqh und Tassawwuf Doch zu ihrem grossen
Unglück unterlagen die Muslime, nachdem sie im Lauf der Zeit in
ihrem Wissen und ihrer Charakterstärke immer mehr abgesunken
waren, auch den irreführenden Philosophien von Völkern, die zu
jener Zeit die Vorherrschaft in der Welt in Händen hatten, und
machten sich deren Philosophien selbst zu eigen und
verunreinigten den Islam mit ihren abwegigen Dogmen.
Sie besudelten die reine Quelle
des islamischen Tassawwuf mit Unsinnigkeit, die auch durch die
wildesten geistigen Akrobatenakte nicht auf der Grundlage von
Qur'an und Hadith gerechtfertigt werden konnten. Nach und nach
trat eine Gruppe von Moslimen hervor, die sich den Anforderungen
der Schari'a gegenüber weit überlegen fühlten und meinten, diese
beträfen sie nicht, und das schrien sie auch noch lauthals in
die Welt hinaus. Diese Leute hatten nicht die blasseste Ahnung
vom Islam, der niemals seine
Zustimmung
zu einem Tassawwuf geben kann, der sich von der Schari'a gelööst
hat. Kein Ssufi hat das Recht die Grenzen der Schari'a zu
überschreiten oder die vordringlichsten religiöösen Pflichten
wie das tägliche Gebet, Fasten, Sakat oder den Hadsch auf die
leichte Schulter zu nehmen und sich hier persöönliche Freiheiten
zu erlauben. Tassawwuf ist in seiner innersten Bedeutung nichts
anderes als eine ganz intensive Liebe zu Gott und zu Muhammad,
und eine solche Liebe erforderte strengste Beachtung der
gööttlichen Gebote, wie sie im Qur'an und in der Ssunna des
Propheten enthalten sind. Wer immer von diesen gööttlichen
Geboten abweicht, behauptet zu Unrecht, dass er Gott und seinen
Gesandten liebe. |