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Gebet
und Gottesdienst
Das vorausgegangene Kapitel hat klargestellt,
dass uns der Prophet Muhammad (Friede sei mit ihm) fünf
Glaubensartikel ans Herz gelegt hat:
-
Den Glauben an
einen Gott, der absolut keinen Gefährten neben Sich hat in
seiner Gööttlichkeit.
-
Den Glauben an Gottes Engel.
-
Den Glauben an Gottes offenbarte Bücher und an
den Heiligen Qur'an als sein letztes Buch.
-
Den Glauben an Gottes Propheten und an Muhammad
als Seinen letzten und endgültigen Gesandten.
Den Glauben an das Leben
nach dem Tod.
Diese fünf Artikel stellen die Grundlage des Islams dar.
Derjenige, der an sie glaubt, tritt in den Schoss des Islams
ein und wird ein Mitglied der Gemeinschaft der Moslimen. Doch
nur durch ein Lippenbekenntnis allein wird man noch kein
vollkommener Muslim. Dies wird man erst, wenn man die von
Muhammad verkündeten Lehren, wie Gott sie ihm offenbart hat,
voll und ganz in die Praxis umsetzt. Denn der Glaube an Gott
zwingt uns zum praktischen Gehorsam ihm gegenüber, und es ist
der Gehorsam gegen Gott, der sich in der Religion des Islams
manifestiert. Durch diesen Glauben bekennen wir, dass Allah, der
einzige Gott, allein unser Gott ist, und dies bedeutet, dass er
unser Schööpfer ist und wir seine Geschööpfe
sind; dass er unser Herr und Meister ist und wir seine Diener
sind; dass er unser Herrscher ist und wir seine Untertanen sind.
Wenn wir uns weigern ihm zu gehorchen, nachdem wir ihn als
unseren Herrn und Beherrscher anerkannt haben, dann sind wir
Rebellen auf eigene Gefahr und zu unserem eigenen Schaden. Hand
in Hand mit dem Glauben an Gott geht unsere Überzeugung, dass
der Qur'an Gottes Buch ist. Dies bedeutet, dass wir den gesamten
Inhalt des Qur'ans als von Gott offenbart anerkennen. Es wird
daher zur bindenden Pflicht für uns, alles, was auch immer darin
enthalten ist, zu akzeptieren und zu befolgen. Gleichzeitig
haben wir bestätigt, dass Muhammad Gottes Gesandter ist, was
bedeutet, dass wir alle seine Anweisungen und Verbote als von
Gott kommend anerkennen. Nach diesem Bekenntnis wird unser
Gehorsam ihm gegenüber zur Pflicht. Daher werden wir erst dann
vollwertige Moslimen sein, wenn unser Tun und Denken mit unserem
Bekenntnis übereinstimmt. Ist diese Voraussetzung nicht erfüllt,
dann bleibt unser Islam unvollkommen.
Nun wollen wir sehen, welche Richtlinien für
unser Verhalten Muhammad uns gemäss Gottes Weisungen gegeben
hat. Das erste und wichtigste in dieser Beziehung sind die
Ibadat - die vordringlichsten oder primären Pflichten, die von
allen Menschen beachtet werden müssen, die sich als Angehöörige
der Gemeinschaft der Moslimen bezeichnen.
Der
Sinn der Ibada oder des Gottesdienstes
Ibada kommt aus dem Arabischen und hat seine Wurzeln in dem Wort
"Abd" das heisst Sklave, Diener. Es bedeutet Unterwerfung,
Ergebenheit, Gehorsam und besagt, dass Gott unser Herr und
Meister ist und dass wir seine Sklaven oder Diener sind und dass
alles, was wir als seine Diener im Gehorsam ihm gegenüber
und zu seinem Wohlgefallen tun "Ibada" ist. Die islamische
Auffassung der Ibada ist sehr weitreichend. Wenn wir uns in
unserer Redeweise vor jeglicher Unreinheit, Falschheit, Bosheit
und allem Missbrauch hüten, uns stets an die Wahrheit halten und
lediglich über gute Dinge sprechen und wenn wir all dies nur tun,
weil Gott uns dazu angehalten hat, so stellt dieses Verhalten
Ibada dar, wie weltlich und unreligiöös es sich auch dem
äusseren Anschein nach ausnehmen mag. Wenn wir das Gesetz Gottes
in unseren geschäftlichen oder wirtschaftlichen Angelegenheiten
buchstabengetreu und sinngemäss befolgen und daran auch im
Umgang mit unseren Eltern, Verwandten, Freunden und all jenen,
mit denen wir
in Berührung kommen, festhalten, so ist auch dies Ibada. Wenn
wir den Armen und Bedrängten helfen, den Hungernden zu essen
geben und für die Kranken und Leidenden sorgen und wenn wir all
dies nicht zu irgendwelchem Persöönlichen Nutzen tun, sondern
nur, um damit Gottes Wohlgefallen zu suchen, so sind alle diese
guten Taten nichts anderes als Ibada. Selbst unsere
geschäftlichen Unternehmungen - der Beruf; durch den wir unseren
Lebensunterhalt verdienen und jene ernähren, die von uns
abhängig sind - sind "Ibada" solange wir dabei ehrlich und
vertrauenswürdig bleiben und das Gesetz Gottes beachten. Kurz
und gut, all unser Tun und unser ganzes Leben ist "lbada",
solange es in Übereinstimmung mit Gottes Gesetz steht und unser
Herz von Ehrfurcht für ihn erfüllt ist und es unser Endziel bei
allem bleibt, Gottes Wohlgefallen zu erwecken. So erfüllen wir,
wenn immer wir aus Ehrfurcht vor Gott Gutes tun oder Bööses
vermeiden, in welchem Leben Bereich oder auf welchem
Tätigkeitsfeld auch immer es sei, unsere islamischen Pflichten.
Dies ist die tatsächliche Bedeutung der Ibada - nämlich vööllige
Unterordnung und Ergebung in das, was Gott wohlgefällig ist, und
absolute Ausrichtung des gesamten Lebens nach dem Muster des
Islams, wobei auch nicht die scheinbar unwichtigste Kleinigkeit
ausser Acht gelassen wird. Damit dieses wunderbare Ziel leichter
erreicht werden kann, ist eine Anzahl von formalen "Ibadat" -
Diensten an Gott -festgesetzt worden, die als eine Art von
Schulung oder Übung dienen. Je ausdauernder und fleissiger wir
diese Übungen ausführen, um so besser sind wir dafür gerüstet,
unsere Ideale mit unserem Tun in Einklang zu bringen .Die "Ibadat"
sind also die Säulen, auf denen das Gefüge des Islams ruht.
Das
Gebet
Das Gebet - arabisch "Ssalat" - ist die
allererste und wichtigste dieser Verpflichtungen. Doch was
verstehen wir unter dem islamischen Gebet? Es sind die
vorgeschriebenen täglichen Gebetsübungen, die darin bestehen,
dass wir uns fünfmal am Tag das wiederholen und ins Gedächtnis
rufen, worauf unser Glaube aufgebaut ist.
Wir stehen früh am Morgen auf, waschen uns
rituell und treten vor unseren Herrn hin zum Gebet. Die
verschiedenen Haltungen, die wir während unseres Gebetes
einnehmen, sind nichts anderes als der Ausdruck unserer
Ergebenheit, geistig sowohl als auch köörperlich. Die
verschiedenen Rezitationen erinnern uns an unsere
Verpflichtungen Gott gegenüber. Wir suchen seine Leitung und
bitten ihn immer und immer wieder darum uns die Kraft zu geben,
seinen Unwillen zu vermeiden und seinen auserwählten Weg zu
befolgen. Wir rezitieren aus dem Buch des Herrn und legen
Zeugnis für die Wahrhaftigkeit des Propheten ab, wir erneuern
unseren Glauben an den Tag des Jüngsten Gerichts und rufen uns
stets wieder ins Gedächtnis zurück, dass wir vor unseren Herrn
hintreten und Rechenschaft für unser gesamtes Leben ablegen
müssen. So also beginnt unser Tag.
Dann, wenn die Sonne den Zenit überschritten hat,
ruft der Mu'asin uns zum Mittagsgebet, und wir werfen uns
abermals vor unserem Herrn auf die Knie und erneuern unseren
Bund mit ihm. Wir machen uns für einige Minuten von unseren
weltlichen Banden frei und bitten Gott um Gehöör. Dies rückt uns
unsere wirkliche Rolle im Leben vor Augen. Nach diesem
Gottesdienst wenden wir uns wieder unserer alltäglichen
Beschäftigung zu.
Doch nach wenigen Stunden erscheinen wir erneut
vor unserem Herrn. Dies dient uns abermals zur Ermahnung, und
wir widmen unsere Aufmerksamkeit wieder ganz unseren
Glaubenspflichten.
Wenn die Sonne untergeht und die Dunkelheit der
Nacht uns zu umhüllen beginnt, finden wir uns abermals vor Gott
im Gebet ein, damit wir unsere Aufgaben und Pflichten nicht
vergessen möögen inmitten der herannahenden Schatten der
Finsternis.
Und schliesslich, bevor wir uns zur Ruhe legen,
treten wir nochmals vor Gott hin und verrichten unser letztes
Gebet. So beleben wir noch einmal unseren Glauben und verneigen
uns vor unserem Herrgott, bevor wir unseren Tag zu Ende bringen.
Die Häufigkeit und zeitliche Festsetzung der
Gebete lassen uns niemals Ziel und Sinn des Lebens aus den Augen
verlieren im Trubel weltlicher Geschäftigkeit. Es ist ganz
leicht verständlich, wie die täglichen Gebete die Grundmauern
unseres Glaubens festigen, uns für ein Leben der
Tugendhaftigkeit und des Gehorsams Gott gegenüber bereit machen
und diesen Glauben so stark in uns beleben, dass aus ihm Mut,
Aufrichtigkeit, Zielbewusstsein, Reinheit des Herzens,
Fortschrittlichkeit der Seele und eine hohe Moralauffassung
entspringen.
Nun wollen wir
sehen, wie das tägliche Gebet verrichtet wird. Zunächst nehmen
wir die Waschung genau in der Weise vor, wie der Prophet
Muhammad es vorgeschrieben hat. Auch unsere Gebete sprechen wir
gemäss den Anweisungen des Propheten.
Warum tun wir dies? Ganz einfach - weil wir an
die Sendung Mohammeds glauben und es für unsere bindende Pflicht
halten, ihm ohne Widerspruch zu folgen. Warum hüten wir uns
davor, den Qur'an fehlerhaft zu rezitieren? Ist der Grund dafür
nicht, dass wir dieses Buch für das Wort Gottes halten und es
deshalb als Sünde betrachten würden, von seinem genauen Wortlaut
abzuweichen? In den Gebeten rezitieren wir vieles leise, und es
gibt niemanden, der uns dabei erwischen köönnte, wenn wir
einfach gar nichts rezitieren oder vom vorgeschriebenen Text
abweichen. Doch niemals tun wir so etwas absichtlich. - Warum?
Weil wir glauben, dass Gott
stets wachsam ist, alles höört, was wir sprechen, und alle
offenbaren und verborgenen Dinge weiss. Was veranlasst uns dazu,
unsere Gebete dort zu verrichten, wo es niemanden gibt, der uns
dazu auffordern würde, sie zu sagen, und auch niemanden, da uns
dabei beobachten köönnte? Tun wir dies nicht, weil wir darin
glauben, dass Gott uns stets beobachtet? Was bringt uns dazu,
ein wichtiges Geschäft oder eine andere Tätigkeit im Stich zu
lassen, um zur Moschee zu eilen und dort zu beten? Was
veranlasst uns dazu, am frühen Morgen unseren süssen Schlaf zu
unterbrechen, in der Mittagshitze
zur Moschee zu kommen und unsere abendlichen Vergnügungen zu
verlassen - alles nur um unserer Gebete willen? Ist es irgend
etwas anderes als unser Pflichtgefühl - das Bewusstsein, dass
wir unsere Aufgaben Gott dem Herrn gegenüber erfüllen müssen,
komme was da wolle? Und warum haben wir Angst davor, im Gebet
irgendwelche Fehler zu machen? Weil unser Herz von Ehrfurcht für
Gott erfüllt ist und wir wissen, dass wir vor ihn hintreten
müssen am Tage des Jüngsten Gerichts und für unser gesamtes
Leben Rechnung abzulegen haben. Ergibt sich aus all dem nicht,
dass es wohl keine bessere Art der moralischen und geistigen
Schulung gibt als die Verrichtung der Gebete? Es ist diese
Schulung, die aus dem Menschen einen vollkommenen Muslim macht.
Sie erinnert ihn an seinen Bund mit Gott, belebt seinen Glauben
an Ihn stets auf neue und hält sein Wissen um den Tag des
Jüngsten Gerichts immer wach und allgegenwärtig vor seinem
geistigen Auge. Sie veranlasst ihn dazu, dem Propheten zu folgen,
und erzieht ihn zur Einhaltung seiner ihm auferlegten Pflichten.
Zwar ist es eine strenge Schulung für den Menschen, die darauf
abzielt, sein Denken und Handeln mit seinen Idealen in
Übereinstimmung zu bringen. Doch wird ganz sicher ein Mensch,
der sich seiner Pflichten seinem Schööpfer gegenüber so deutlich
bewusst ist, wertvoller und wichtiger hält als alle weltlichen
Vorteile) und nicht müde wird, dieses Bewusstsein
durch Gebete stets in sich lebendig zu erhalten, gewiss in allem,
was er tut, allem Unguten und Unreinen aus dem Wege gehen. Denn
er weis, würde er dies nicht tun, so würde er bestimmt Gottes
Unwillen auf sich ziehen, den zu vermeiden er stets bemüht war.
Er wird in allen Bereichen seines Lebens an Gottes Gesetz
festhalten, so wie er es tääglich in seinen fünf Gebeten befolgt.
Auf diesen Menschen kann man sich auch in jeder anderen Hinsicht
verlassen, denn wenn die Versuchung zur Sündhaftigkeit oder zum
Betrug auf ihn zukommt, so wird er sich bemühen, ihr
auszuweichen, weil die Furcht vor seinem Herrn in seinem Herzen
immer gegenwärtig ist. Wenn sich jedoch ein Mensch nach einer
derart gründlichen Schulung in anderen Lebensbereichen schlecht
benimmt und Gottes Gesetz nicht beachtet, so ist dies nur
aufgrund einer seinem innersten Wesen anhaftenden Verworfenheit
mööglich.
Hinzu kommt noch, dass wir unser Gebet nach
Mööglichkeit in Gemeinschaft sagen sollten, ganz besonders das
Freitagsgebet. Das schafft unter den Moslimen Bande der Liebe
und des gegenseitigen Verstehens. Es erweckt in ihnen das
Bewusstsein ihrer kollektiven Einheit und föördert die Gefühle
der Brüderlichkeit. Sie alle sagen ihr Gebet in einer
Gemeinschaft, und das vergegenwärtigt ihnen ihre starke
Zusammengehöörigkeit. Gebete sind ja überhaupt ein Symbol der
Gleichheit, denn Arme und Reiche, Einfache und Vornehme,
Herrscher und Beherrschte, Gebildete und Ungebildete, Schwarze
und Weisse - sie alle stehen in einer Reihe und werfen sich vor
ihrem Herrn in Anbetung nieder. Die Gebete schärfen den Menschen
auch ein starkes Gefühl für Disziplin und Gehorsam den gewählten
Führern gegenüber ein. Kurz und gut, sie föördern bei den
Mitgliedern der Gemeinschaft alle jene Tugenden, die die
Entwicklung eines inhaltsreichen individuellen und kollektiven
Lebens ermööglichen.
Dies sind nur einige der ungezählten Vorteile,
die wir aus den täglichen Gebeten ziehen köönnen. Wenn wir uns
weigern, uns ihrer zu bedienen, so sind wir und nur wir die
Verlierenden. Wenn wir uns vor den Gebeten drücken, kann dies
nur zweierlei Gründe haben: Entweder betrachten wir die Gebete
nicht als unsere Pflicht, oder wir halten sie für unsere Pflicht,
der wir uns jedoch zu entziehen trachten. Im ersten Fall wird
unsere Behauptung, gläubig zu sein, zur schamlosen Lüge, denn
wenn wir uns weigern, Anweisungen entgegenzunehmen, dann
erkennen wir damit zugleich auch die Autorität nicht mehr länger
an. Und im zweiten Fall sind wir, wenn wir die Autorität Gottes
anerkennen und doch seine Gebote verächtlich machen, die
allerunzuverlässigsten aller Geschööpfe, die je diese Erde
betreten haben. Denn wenn wir ein solches Verhalten der
hööchsten Autorität des Universums gegenüber an den Tag legen,
was gibt es dann für eine Sicherheit, dass wir nicht dasselbe in
unserem Umgang mit unseren Mitmenschen tun werden? Und wenn ein
solches Doppelspiel über eine Gesellschaft hereinbricht, was für
ein Hexenkessel der Uneinigkeit und Zwistigkeiten muss dann um
sie herum entstehen!
Das
Fasten
Das, wofür die Gebete uns
täglich fünfmal dienen sollen, manifestiert sich durch das
Fasten im Monat Ramadan, dem neunten Monat des Mondjahres,
einmal jährlich. Während dieser Zeit essen wir von der
Morgendämmerung bis zum Einbruch der Nacht auch nicht das
geringste Brööselchen, noch trinken wir einen einzigen Tropfen
Wasser, wie hungrig oder durstig wir uns auch fühlen möögen oder
wie verlockend uns eine Speise auch erscheinen mag. Was ist es,
das uns freiwillig solche strengen Gebote erdulden lässt? Es ist
nichts anderes als der Glaube an Gott und die Furcht vor ihm und
dem Tag des Jüngsten Gerichts.
Während unseres Fastens unterdrücken wir jeden Augenblick aufs
neue unser Verlangen und unsere Begierde und bezeugen, indem wir
dies tun, dass Gottes Gesetz den Vorrang vor unseren
menschlichen Trieben hat. Dieses Pflichtbewusstsein und diese
Geduld, die ununterbrochenes Fasten einen vollen Monat lang in
uns erwecken, helfen uns, unseren Glauben zu festigen. Die
Strenge und Disziplin, die dieser Monat uns abverlangt, bringt
uns in direkte Berührung mit den Tatsachen und dem Ernst des
Daseins und hilft uns, unser Leben während der übrigen Zeit des
Jahres ganz auf die aufrichtige Unterwerfung unter Gottes Willen
auszurichten.
Doch noch von einem anderen Gesichtspunkt aus übt
das Fasten einen grossen Einfluss auf unsere Gesellschaft aus,
denn alle Moslimen, ohne Ansehen ihres Standes, müssen das
Fasten während desselben Monats einhalten Dies hebt die
grundsätzlich Gleichheit aller Menschen hervor und trägt somit
wesentlich zur Schaffung eines Gefühls der Liebe und
Brüderlichkeit unter ihnen bei. Während des Ramadan verkriecht
sich alles Schlechte, während das Gute in den Vordergrund tritt
und die allgemeine Stimmung von Fröömmigkeit und Reinheit
getragen ist. Die religiööse Pflicht des Fastens ist uns zu
unserem eigenen Nutzen auferlegt worden. Auf jene, die dieses
ausserordentlich wichtige Gebot nicht befolgen, kann man sich
auch nicht mit Sicherheit verlassen, soweit es die Erledigung
ihrer anderen Aufgaben betrifft. Doch die Schlimmsten sind jene
Moslimen, die sich nicht scheuen, während dieses heiligen Monats
in aller Ööffentlichkeit zu essen und zu trinken. Diese Menschen
zeigen durch ihr Benehmen, dass sie sich nicht im geringsten um
die Weisungen Gottes kümmern, an en als Schööpfer und Erhalter
zu glauben sie vorgeben. Doch nicht nur das, sie beweisen durch
ihren Ungehorsam auch, dass sie keine aufrichtigen,
zuverlässigen Mitglieder der Moslim-Gemeinschaft sind, oder
vielmehr, dass sie eigentlich gar nicht dazu gehöören. Es liegt
klar auf der Hand, dass man von solchen Heuchlern nur das
Schlechteste erwarten kann, soweit es Gehorsam dem Gesetz
gegenüber und Würdigung des in sie gesetzten Vertrauens betrifft.
Sakat
Die dritte Verpflichtung ist die Entrichtung der
Almosen, der Sakat. Jeder Moslem, dessen finanzielle
Verhältnisse sich über einem festgesetzten Minimum bewegen, hat
jährlich zweieinhalb Prozent von seinem Barvermöögen an einen
unterstützungswürdigen Mitbürger, einen zum Islam Bekehrten,
einen Reisenden oder einen mit Schulden Belasteten zu bezahlen.
Dies ist das Minimum. Je mehr man bezahlt, um so grösser wird
die Belohnung sein, die Gott einem dereinst wird zuteil werden
lassen. Wenn wir Sakat bezahlen, so tun wir das nicht etwa, weil
Gott dieses Geld braucht oder gar bekommt. Er ist über jedes
Bedürfnis erhaben und steht über jeglichem Verlangen. Doch
verspricht er uns in seiner liebevollen Barmherzigkeit vielfache
Belohnung, wenn wir unseren Brüdern und Schwerstem helfen. Die
unerlässliche Voraussetzung für eine solche Belohnung ist jedoch,
dass wir bei der Bezahlung der Sakat im Namen Gottes für unsere
Wohltaten keinerlei weltliche Vorteile erwarten oder fordern und
dass wir auch nicht danach streben, uns dadurch überall als
Philanthropen beliebt zu machen.
Die Sakat ist etwas so
Grundsätzliches im Islam wie die anderen Formen der Ibada, etwa
das Gebet und das Fasten. Die Hauptbedeutung dieser Abgabe liegt
in der Tatsache, dass dadurch die gute Eigenschaft der
Opferfreudigkeit geföördert wird und wir von unserer Selbstsucht
und unserem Trieb, Geld zu horten, befreit werden. Der Islam
nimmt nur jene in seinen Schoss auf, die dazu bereit sind, auf
Gottes Wegen aus ihrem schwer verdienten Vermöögen freudig und
ohne Aussicht auf irgendwelchen irdischen oder persöönlichen
Gewinn etwas
zu verschenken. Mit Geizhälsen will er nichts zu tun haben. Ein
aufrichtiger Muslim wird, wenn die Aufforderung dazu an ihn
ergeht, ohne Zöögern all sein Hab und Gut für die Sache Gottes
hingeben, denn die Sakat hat ihn bereits zu einem solchen Opfer
erzogen.
Für die islamische Gesellschaft bringt die
Einrichtung der Sakat ausserordentlich grosse Vorteile mit sich.
Es ist jedem wohlhabenden Muslim zur bindenden Pflicht gemacht
worden, seinen schlechtgestellten, bedürftigen Brüdern und
Schwestern zu helfen. Sein Vermöögen soll nicht einzig und
allein für das eigene Wohlergehen und die persöönliche
Bequemlichkeit ausgegeben werden. Vielmehr gibt es Menschen, die
einen rechtmässigen Anspruch auf sein Vermöögen erheben köönnen.
Das sind zum Beispiel die Witwen und Waisen; die Armen und
Kranken; jene, die die Fähigkeiten, nicht aber die Mittel haben,
um sich eine nützliche Beschäftigung zu suchen; jene, die das
Talent und den Scharfsinn, nicht jedoch das Geld besitzen, um
sich grösseres Wissen anzueignen und damit wertvolle Mitglieder
der Gemeinschaft zu werden. Wer die Rechte solcher Mitbrüder der
eigenen Gemeinde auf sein Vermögen nicht anerkennt, ist
wahrhaftig grausam. Denn es gibt keine grössere Grausamkeit als
die, die eigenen Truhen vollzustopfen, während andere Hungers
sterben oder unter den qualvollen Folgen der Arbeitslosigkeit
leiden müssen. Der Islam ist der Erzfeind derartiger Eigenliebe,
Habgier und Gewinnsucht. Nichtgläubige, denen das Gefühl der
allumfassenden Liebe fehlt, kennen nichts anderes als das
selbstsüchtige Streben danach, ihr Vermöögen zu erhalten, ja es
mööglichst noch zu vergössern, indem sie es gegen Zinsen
verleihen. Die Lehren des Islams treten für das genaue Gegenteil
dieser Geisteshaltung ein. Hier teilt man sich mit anderen in
sein Vermöögen und hilft ihnen tatkräftig, damit sie auf eigenen
Beinen stehen köönnen und leistungsfähige und nützliche
Mitglieder der Gesellschaft werden.
Der
Hadsch oder die Pilger
Der Hadsch oder die Pilgerfahrt nach Mekka ist
die vierte der fundamentalen Pflichten im Islam. Diese Reise ist
nur für jene bindende Pflicht, die die Mittel dazu aufbringen
köönnen. In diesem Fall sollte die Pilgerfahrt mindestens einmal
im Leben unternommen werden.
Mekka steht heute dort, wo einst der Prophet
Abraham (Gottes Segen sei mit ihm) ein kleines Haus zur Anbetung
Gottes erbaute. Allah belohnte ihn, indem er es sein eigenes
Haus nannte und es zum Mittelpunkt für alle Gläubigen machte,
die sich bei der Verrichtung ihrer Gebete stets dorthin wenden
müssen, wo immer sie sich auch befinden möögen auf unserem
Erdenrund. Er erlegte es auch nur denen als Pflicht auf, diesen
Ort wenigstens einmal in ihrem Leben zu besuchen, die die
notwendigen Mittel dazu haben. Die Reise nach Mekka darf aber
nicht zu einem reinen Hööflichkeitsbesuch werden. Auch diese
Pilgerfahrt ist an feste Riten und Voraussetzungen gebunden, die
erfüllt werden müssen, um Fröömmigkeit und Güte in uns
wachzurufen. Wenn wir uns auf den Hadsch begeben, so wird von
uns verlangt, dass wir unsere Leidenschaften zügeln,
Blutvergiessen vermeiden und aufrichtig in Wort und Tat sind.
Gott verspricht uns herrliche Belohnung für unsere
Aufrichtigkeit und Ergebenheit.
Denn wenn ein Mensch nicht wirklich von der Liebe
zu Gott erfüllt wäre, würde er niemals eine so lange Reise auf
sich nehmen
und all seine Freunde und Lieben zurücklassen. Auch
unterscheidet sich die Pilgerfahrt grundlegend von jeder anderen
Reise. Hier beschäftigt sich der Reisende in all seinen Gedanken
nur mit Gott, sein ganzes Wesen erschauert föörmlich vor inniger
Ergebenheit und Ehrfurcht. Wenn er die heiligen Stätten erreicht,
so findet er eine Atmosphäre, getragen von Fröömmigkeit, Milde
und gutem Wille. Er besucht die Stätten, die Zeugnis vom Glanz
des Islams ablegen, und all dies hinterlässt einen
unauslööschlichen Eindruck in seiner Seele, den er bis zum
letzten Atemzug in sich trägt.
Doch wie bei den anderen Ibadat gibt es
noch viele weitere Vorteile, die die Gläubigen aus dieser
Pilgerfahrt ziehen köönnen. Mekka ist der Mittelpunkt der
islamischen Welt, an dem die Moslimen einmal jährlich
zusammenkommen müssen, um sich gemeinsam niederzulassen und über
Themen von allgemeinem Interesse zu diskutieren. Dadurch wird
der Glaube um so lebhafter entfacht und das Bewusstsein
wachgerufen, dass alle Moslimen gleich sind und die Liebe und
das Mitgefühl der anderen verdienen, unabhängig von ihrer
geographischen oder kulturellen Herkunft. So verbindet die
Pilgerfahrt die Moslimen der ganzen Welt zu einer
internationalen Bruderschaft.
Die
Verteidigung des Islams
Obwohl die Verteidigung des Islams nicht ein
fundamentaler Grundsatz ist, ist ihre Notwendigkeit und
Wichtigkeit doch wiederholt in Qur'an und Hadith betont worden.
In ihrem Kernpunkt stellt sie eine Prüfling unserer
Aufrichtigkeit und Zuverlässigkeit als Anhänger des Islams dar.
Wenn wir weder bereit sind, jemanden, den wir unseren Freund
nennen, gegen Hinterlistigkeiten oder offene Beleidigungen und
Angriffe seiner Widersacher zu verteidigen, noch uns um seine
Belange zu kümmern, sondern uns einzig und allein von unserem
Egoismus leiten lassen, so täuschen wir unsere Freundschaft zu
ihm tatsächlich nur vor. Ebenso müssen wir, wenn wir behaupten,
an den Islam zu glauben, ständig darauf bedacht sein, das
Ansehen des Islams zu schützen und hochzuhalten. Der einzige
Leitfaden in unserem Benehmen muss sein, dass wir stets die
Belange aller Moslimen wahrnehmen und uns bereitwillig dem Islam
zu widmen. Angesichts dieser heiligen Aufgabe müssen alle unsere
persöönlichen Erwägungen zur Bedeutungslosigkeit
zusammenschrumpfen.
Der
Dschihad
Der Dschihad ist ein Teil
der vorstehend erläuterten allgemeinen Verteidigung des Islams.
Dschihad bedeutet Kampf, Bemühung, Anstrengung bis zum
äussersten der eigenen Leistungsfähigkeit. Ein Mensch, der sich
köörperlich oder geistig anstrengt oder sein Vermöögen für die
Sache Gottes hingibt, ist tatsächlich im Dschihad begriffen.
Doch in der Sprache der Schari'a wird dieses Wort vornehmlich
für den Krieg benutzt, der einzig und allein im Namen Gottes und
gegen jene geführt wird, die als Gegner des Islams Unterdrückung
ausüben. Die ausserordentliche Opferbereitschaft, selbst das
eigene Leben hinzugeben, müssen alle Moslimen aufbringen. Wenn
sich jedoch ein Teil der Moslimen bereiterklärt, am Dschihad
teilzunehmen, so ist damit die ganze Gemeinde von ihrer
Verantwortung entbunden. Tritt aber niemand freiwillig hervor,
dann ist jeder einzelne verantwortlich. Dieses Zugeständnis wird
in dem Moment für die Bürger eines islamischenStaates ungültig,
wenn dieser von Nichtmoslimen angegriffen wird. In diesem Fall
muss jeder zum Dschihad bereit sein. Wenn das angegriffene Land
nicht stark genug ist,
um sich allein zu verteidigen, dann ist es die religiööse
Pflicht der benachbarten muslimischen Länder, ihm zu helfen;
doch wenn auch sie zu schwach sind, dann müssen die Moslimen der
ganzen Welt den gemeinsamen Feind bekämpfen. In all diesen
Fällen ist der Dschihad eine genauso unerlässliche und primäre
Pflicht der betreffenden Moslimen wie das tägliche Gebet oder
das Fasten. Wer dem zu entkommen sucht, ist ein Sünder, ja,
seine Behauptung, ein Muslim zu sein; wird dadurch zweifelhaft.
Er ist ganz offenbar ein Heuchler, der bei der Prüfling seiner
Aufrichtigkeit versagt, und alle seine Ibadat und Gebete sind
leerer Schein, eine wertlose, hohle Vorspiegelung von
Gottergebenheit.
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